Die Sache mit dem Autopilot
Die Sache mit dem Autopilot…
„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“ – so Herr von Goethe in seinen Meisterjahren. Doch das ist bekanntermaßen bereits einige Zeit her und im hier und jetzt sieht die Sache doch meist ganz anders aus: die reibungslose Logistik der kurzen Abstecher in andere Städte, Länder oder Kontinente steht im Vordergrund. Es gilt, möglichst wenig Zeit mit Transfers, Check-in oder Warten zu verbringen und sich so schnell und effizient wie möglich von A nach B zu bewegen, nur um nach kurzer Zeit ebenso effizient und schnell wieder nach A zurückzukehren. Eine Ausnahme bilden da eventuell die als Urlaub getarnten Kurzreisen, aber auch da wird es immer wichtiger schnell und möglichst mit wenig Zeitverlust ans auserkorene Ziel zu gelangen.
Wenn man häufig reist- und sei es nur für ein kurzes Meeting nach Frankfurt oder München – dann schaltet man auf Autopilot. Gezwungenermaßen, denn wie vieles im Leben verliert auch Reisen den Charme, wenn man es zu häufig oder zwangsläufig macht. Der Autopilot übernimmt und so merken wir gar nicht wirklich, dass wir schon wieder unterwegs sind. Er, der Autopilot, sorgt dafür, dass die Logistik wie einen Hürdenlauf schnell und ohne Komplikationen gemeistert wird, um möglichst schnell das Ziel zu erreichen. Und gibt es wider Erwarten doch Wartezeiten, sorgt der Autopilot dafür, dass dieses Zeitfenster für wichtige Telefonate, Emails oder aber letzte Änderungen in wichtigen Dokumenten genutzt wird. Der Autopilot macht einen nicht zu einem unhöflichen Menschen: man ist nur einfach nicht da. Es gibt keinen Leerlauf und keine Gegenwart.
Wenn möglich, gönne ich mir den Luxus und reise ohne Autopilot. Das mag in erster Linie daran liegen, dass ich mir Termine und somit die Reisen zum großen Teil selber einrichten kann. Mit etwas mehr Muße lasse ich mir für den Transfer zum Flughafen oder Bahnhof mehr Zeit, sicherheitshalber. Somit habe ich die Gelegenheit, meine Umgebung bewusst zu betrachten und wahrzunehmen. Ich habe Zeit, mir die Menschen anzuschauen, meine Betrachtungen anzustellen, mich eventuell sogar mit Ihnen auszutauschen. Und eine ungeplante Zwischenlandung verbunden mit 2-stündiger Verspätung ist nicht weniger ärgerlich, aber man verträgt es einfach besser. Und wenn man dann zufällig auf einen Mitreisenden stößt, der ähnlich reist, entwickeln sich manchmal sogar bereichernde Gespräche. Wie neulich, als ich nach eben dieser Verspätung endlich am Zielflughafen am Gepäckband stand und abschließend bemerkte, das man ja dankbar sein müsse, am selben Abend noch heimgekommen zu sein. Darauf erwiderte ein Wiener Mitreisender lächelnd: „Ja, oder auch nicht, andernfalls hätten wir jetzt schon längst in der Bar gesessen…!“ Klarer Fall, auch er war ohne Autopilot unterwegs.
